Ereignisse 2010
Säumer-Kurs in Kerns - Es gibt nichts zu versäumen
von David Coulin
Mitte August wird sich wieder ein langer Säumertross von Kerns bis nach Domodossola bewegen. Mitte Mai übten die angehenden Säumerinnen und Säumer ihr Handwerk.
Es ist trüb und es schneit. Ein Tross von gut einem Dutzend Pferden, fünf Eseln und einem Pony stapft in Begleitung von dreissig angehenden Säumerinnen und Säumern von der Obwaldner Seite her über den Franzosenweg hinauf zum Ächerlipass zwischen dem Stanserhorn und dem Arvi. Das einzige vernehmbare Geräusch ist das Schnaufen von Mensch und Tier, denn der Weg ist steil und glitschig. Auf den Rücken der Tiere aufgeschnallt sind Kanister, Säcke und Körbe, gefüllt mit der Habe, die für einen Zweitagestrip notwenig ist. Die Begleiter selber sind teils in Goretex gehüllt, einer hat sich aber auch einfach ein Ziegenfell über die Schulter geworfen.
In ihren Gesichtern aber spiegelt sich trotz des garstigen Wetters eine Zufriedenheit und Ausgeglichenheit, die sie sich dann einstellt, wenn Mensch und Tier eine emeinschaftbilden und Vertrautheit zueinander spüren: Wie der Maurer und Hobbylandwirt Andreas Wyss aus Meiringen. Er zeigt auf seine 22-jährige Eselin Rosi und sagt: ?Ich würde sie für nichts mehr in der Welt hergeben.? Vor einigen Jahren hat er sie von einem Halter übernommen, ?der nicht recht zu ihr geschaut hat.? Jetzt geniessen sie zusammen ihr aktives Alter.
Schon das zweite Mal ist Andreas Wyss, der stämmige Haslitaler mit Hut, weissem Bart und Militärpullover, beim Säumerkurs dabei, der von der Säumer- und Trainvereinigung Unterwalden organisiert wird. ?Meine drei Esel lernen hier sehr viel?, sagt er. ?Indem sie im Verband hinter den Pferden hertrotten, überwinden sie Hindernisse, vor denen sie sonst Angst hätten.?
Und auch ihm tue das gut: Das Gemeinschaftserlebnis mit Gleichgesinnten, die Landschaft, die Bewegung. Christine Spoerry aus Uetikon am See, ehemalige Sozialarbeiterin und Gemeinderätin, ist mit ihrem sechsjährigen südamerikanischen Wallach Nikito an den Kurs gereist. ?Hier lerne ich, wie man richtig bastet?, sagt sie. Dutzende Riemli gilt es in der exakt gleichen Reihenfolge immer auf dieselbe Art einzustellen, damit der Bastsattel, auf dem die Saumware aufgeschnürt ist, richtig sitzt.
Alle Kursteilnehmer haben ein Ziel: Das grosse Säumertour auf der Sbrinzroute Mitte August, die in acht Tagen auf historischen Säumerpfaden vom Vierwaldstättersee über das Berner Oberland und das Oberwallis bis ins alte Walsertal Pomatt und nach Domodossola führt. Andreas Wyss und Christine Spoerry waren schon letztes Jahr dabei. ?Ein super Erlebnis?, sagt Andreas Wyss. Beginnen wird die Reise mit einem grossen Säumerfest in Kerns, und sie führt über die drei Pässe Brünig, Grimsel und Griess. In iswil, Meiringen, Guttannen, Obergesteln, Riale, Premia und in Domodossola wird die gut hundertköpfige Truppe mit einem Volksfest empfangen, in dem das alte Säumerwesen wieder auflebt. ?Das wird auch dieses Jahr etwas Besonderes sein?, sagt Josef K. Scheuber, Projektleiter und Promotor des Säumerprojekts auf der Sbrinzroute. Dieses Jahr wird in Domodossola mit dem Einzug der Säumergruppe sogar der neu gestaltete Dorfplatz eingeweiht.
?Es geht bei diesem Projekt um mehr als um Tourismus?, sagt Josef K. Scheuber. ?Es geht darum, vergessene Bergregionen am Markt zu positionieren und die Entwicklung der Regionen Sbrinz-Route zwischen Luzern und Domodossola zu fördern. Erstmals dabei ist auch Sbrinz als Hauptsponsor.? Eine Partnerschaft, die sich aufdrängt: Dokumente belegen, dass schon im 16. Jahrhundert ?formaggio di Sbrinzo von bester Qualität? von der Innerschweiz über die Sbrinzroute nach Italien gesäumt wurde, um Papst Klemens VIII damit zu beglücken. Noch geht es aber drei Monate bis zum grossen Säumertrekk, noch lernen die angehenden Säumerinnen und Säumer auf dem Ächerli, wie man sich bei einer Tränkestelle zu verhalten hat. ?Du darfst mit dem ersten Pferd, das getrunken hat, nicht einfach weitergehen?, sagt Christine Spoerry. ?Denn das Pferd ist ein Herdentier. Das heisst, alle andern Tiere würden dem ersten Pferd nachfolgen und keines mehr würde etwas trinken. Deshalb heisst es: Trinken, einige Schritte vorziehen bis das nächste Pferd getrunken hat, dann wieder einige Schritte vorziehen, und so weiter?
Während die ersten Rösseler bei Res Gut auf der Alp Chieneren bereits beim Säumerkaffee sitzen, kauert Ruedi Langensand aus Alpnach immer noch im Stall am Boden. In einem roten Etui versorgt er die Bürsten und den Hufauskratzer. ?Nicht nur Dreck, sondern sogar kleine Eisschollen habe ich damit aus den Hufen entfernt?, sagt der Schreiner, der sich dieses Jahr zum ersten Mal die Woche für das Säumertrekk freisperren kann. Bis jetzt war er mit seinen zwei Eselinnen Rocky und Cindy vor allem mit Samichläusen und Sternsingern unterwegs. ?Jetzt wollen wir auch mit nach Italien?, sagt er, und setzt sich zu seinen Kameraden in die Kaminhütte von Res Gut. Dort gibt?s Älplermagronen ? überzogen natürlich mit dem exquisiten Sbrinzkäse aus Res Guts Alpkäserei.

